Kristina, 54, kam ins Coaching, weil sie einen Weg suchte, sich zu mehr Leistung und Widerstandskraft anzuspornen. „Ich bin ein Arbeitstier, sagte sie, aber wenn morgens der Wecker klingelt, würde ich am liebsten im Bett liegen bleiben. Wochenlang. Ich war immer sportlich, habe mich viel bewegt, aber momentan geht gar nichts mehr.“

Kristina sah tatsächlich abgekämpft aus. Ihre Körpersprache zeigte deutlich die hohe Anspannung, unter der sie stand. Beruflich war sie stark unter Druck, nicht nur musste sie viele Feuerwehrübungen als Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Betrieb leisten, sie musste auch die time-out Phase ihres Chefs überbrücken, sprich: viel zusätzliche Arbeit leisten. Zudem hatte sich kürzlich ihr langjähriger Partner sich von ihr getrennt, ihre Tochter verließ das Nest und bezog eine eigene Wohnung und sie klagte über die klassischen Wechseljahr Probleme wie Schlaflosigkeit und Hitzeattacken. „Manchmal wache ich schweissgebadet auf, mein Herz rast und ich komme nicht mehr zur Ruhe“, sagte sie. „Wechseljahre halt. Dann stehe ich einfach auf und räume das Haus auf, seit Hanna und René ausgezogen sind, herrscht sowieso zuviel Chaos.“ Ihre Stimme klang beherrscht, fast monoton, aber ihre Mimik (gerunzelte Stirn, deutlich sichtbare Kaumuskeln) redete eine andere Sprache.

Als ich sie auf den Auszug ihrer Tochter ansprach und fragte, wie sie sich dabei fühlte, zuckte sie mit den Schultern und meinte: „Ach, ist doch normal, irgendwann ziehen die Kinder los und leben ihr eigenes Leben.“ Ich fragte dann nach der Trennung von ihrem Freund und wieder: Achselzucken. „Wenn’s nicht mehr geht, dann geht es halt nicht mehr. Wieso sollte man einen Typ festhalten, der nicht mehr mit dir zusammen sein will? Das ist doch Quatsch. Alles gut. Augen auf und durch.“ Sie macht eine lange Pause, dann sagte sie: „Was mir am meisten Sorge macht ist meine Unbeherrschtheit. Ich habe mich für gewöhnlich gut unter Kontrolle aber seit letzter Zeit merke ich, wie ich Mitarbeiter, die zuviele Fragen stellen oder zu langsam sind am liebsten erwürgen würde. Ich hab keine Nerven für Leute, denen ich alles x-mal erklären muss, dann mache ich es lieber selbst. Es wird über mich getuschelt, ich kann das sogar verstehen, ich bin wohl ziemlich biestig.“ Pause. „Das hat mein Ex auch immer gesagt.“

Eine Indianerin kennt keinen Schmerz.

Gut schien mir gar nichts. Aber ihr Lebensmotto „Augen auf und durch“ sprach Bände. Hier hatte ich es mit einer Frau zu tun, die nicht sehr fürsorglich mit sich selbst umging, die sich ihre Gefühle nicht eingestehen wollte. Sie war eine Kriegerin, zweifelsohne, mutig und clever. Nur,  wer so viel schluckt, so viel verdrängt, sich bis zur Erschöpfungsgrenze treibt, fällt irgendwann um. Das war ihr wohl selbst klar, das war ihre grösste Angst und deswegen kam sie zu mir. Sie erwartete von mir einen Turbo-booster, um wieder in die Spur zu kommen.

Das konnte ich ihr leider nicht anbieten. Mir schien es sinnvoller, ihrer Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen und zu verstehen, wieso sie ihre Gefühle negierte und offenbar Mühe hatte, zu delegieren.

Kristina wuchs mit einer depressiven Mutter, die einige Suizidversuche hinter sich hatte und einem abwesenden Vater auf. Die Eltern waren nicht getrennt, aber ihr Vater arbeitete quasi rund um die Uhr „und wenn er zuhause war, musste ich ruhig sein und funktionieren, er brauchte seinen Schlaf. Wir hatten kein schlechtes Verhältnis, aber mein Vater hatte kein Verständnis für Tränen und Sentimentalitäten. Ich musste die ganze Hausarbeit erledigen, meine Mutter war ja krank, ich hatte kaum Freizeit. Zuhause fühlte ich mich nur bei meiner Grossmutter, aber sie starb, als ich 8 Jahre alt war. Dann war das schöne Leben vorbei.“

Du musst nicht kämpfen, um zu siegen (alte Shaolin Weisheit).

Als ich nachhakte und fragte, ob sie mit dem „schönen Leben“ Wärme und Geborgenheit meinte, kämpfte sie mit den Tränen. Kristina fühlte sich als Kind nicht willkommen, ausser bei ihrer Grossmutter. Sie versucht sich ihre Existenzberechtigung zu sichern, indem sie stets Höchstleistungen brachte, in der Schule und später im Beruf. Und nun war diese Höchstleistung kaum mehr zu erreichen, das löste existentielle Ängste in ihr aus. Die Zähne zusammen zu beissen, das hatte sie sich schon in jungen Jahren angewöhnt, sie wollte kein Opfer sein wie ihre Mutter, wie sie sich ausdrückte. Tough sein, stark sein, eine Indianerin kennt keinen Schmerz, Leistung & Perfektion, das waren ihre Leitbilder und ihr Anspruch an sich selbst. Schwäche das Feindbild, auf gar keinen Fall durfte sie Schwäche oder Verletzlichkeit zeigen. Diese Haltung wirkte sich sowohl im Beruf wie im privaten Leben aus.

Soweit kamen wir während der Gespräche, die wir in einem Zeitraum von 4 Wochen führten, es dauerte ein wenig, bis sie  mir ihre ganze Geschichte erzählte. In 3 Introvisions-Sitzungen arbeiteten wir an ihrer Angst vor Kontrollverlust und der Angst, sich ihre Gefühle und die geheime Sehnsucht nach Geborgenheit, einzugestehen und diese nicht mehr als Schwäche abzuwerten. Ihr war selbst nie klar gewesen, dass die Angst, die hinter diesen Gefühlen sass, die Furcht war, sich auszuliefern, ein Opfer zu sein. Diese Angst wurde in der Situation von Mehrarbeit, die sie kaum mehr bewältigen konnte und dem Verlust des Partners getriggert, der gleichzeitige Auszug ihrer Tochter verschärfte diese Situation weiter. Ein ganz klassisches Lebensskript-Thema. Zudem erarbeiteten wir gemeinsam einen Plan, wie sie peu à peu ihr Leben neu organisieren konnte und ich riet ihr zu einem Journaling, einem schriftlichen Selbstcoaching, das ihr sehr half, Kontakt zu den verdrängten Gefühlen zu bekommen.